Identifizierung eines Tonbandgeräts (Grundig TK248)

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Lichtenberg
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Identifizierung eines Tonbandgeräts (Grundig TK248)

Beitrag von Lichtenberg »

Servus liebe Logicuser, Tontechniker und Interessierte!

Folgende Frage:

Ist es möglich, ein ganz bestimmtes (sichergestelltes) Tonbandgerät als das gesuchte Tonbandgerät zu identifizieren, wenn man als Vergleich nur einen Telefonmittschnitt hat und das zu identifizierende Tonabandgerät auf der anderen(!) Seite zum Einsatz kam?

Folgender Sachverhalt liegt der Frage zugrunde (und hier muss ich ein wenig ausholen):

1981 wurde ein kleines Mädchen in Süddeudschland entführt, (wahrscheinlich) beteubt und in eine vohrer im Waldboden vergrabene Kiste verbracht. Dabei handelte es sich um die zehnjährige Ursula Herrmann (man muss den Namen nur googeln und bekommt etliche Berichte). Die Täter haben anschließend versucht, von den Eltern ein Lösegeld in Höhe von 2 Millionen DM zu erpressen. Das kleine Mädchen ist (wahrscheinlich ohne das Bewusstsein nach Betäubung wiedererlangt zu haben) in der Kiste innerhalb eines Zeitraums von 5 bis 20 Stunden erstickt. Grund dafür war ein schlecht konstruiertes "Belüftungssystem".

Nach der Entführung gab es einen Erpresserbrief. Die Eltern sollten (warum auch immer) angerufen werden. Bei den dann erfolgten drei Anrufen wurde nur eine Tonfolge vom Anrufer abgespielt. Bei der Tonfolge hat es sich um eine Tonfolge gehandelt, die damals vom Bayern Rundfunk verwendet wurde, um die Verkehrsmeldungen an- und abzukündigen. Die Tonfolge musste insofern aus dem Radio aufgenommen worden sein, um sie anschließend mit dem aufgenommen Gerät oder einem anderen Gerät in einer Telefonzelle abspielen zu können.

Nach der Tat wurden verschiedene Verdächtige vernommen. Gegen die Verdächtigen wurden Jahre später die Ermittlungen eingestellt. 2007 (circa) wurden die Ermittlungen gegen damals Beschuldigte wieder aufgenommen. Grund für die Wiederaufnahme der Ermittlungen war, dass man einen Ansatz gesehen hat, dass man das damals verwendete Tonbandgerät zuordnen könne.

Letztlich wurde Werner Mazurek als Angeschuldigter angeklagt und nach rund 50 Verhandlungstagen zu lebenslanger Haft verurteilt.

Soweit zum Hintergrund.

In der öffentlichen Verhandlung spielte ein Gutachten des LKA Bayern eine (mehr oder weniger) große Rolle. Das Gutachten sollte Auskunft darüber geben, ob das bei dem Angeklagten gefundene Tonbandgerät "Grundig TK248" das Tonbandgerät war, das damals bei den Anrufen (auf der anderen Seite) verwendet wurde. Die Gutachterin des LKA hatte das sichergestellte Tonbandgerät zur Verfügung, die Telefonmittschnitte der Polizei sowie eine Aufzeichnung des BR über diese Tonfolge, die vor und nach den Verkehrsberichten gesndet wurde. Mit diesen drei Parametern sollte die Gutachterin das Gutachten erstellen.

Das Gutachten des LKA Bayern wurde veröffentlicht. Man kann es hier einsehen:

https://www.radonmaster.de/werner-mazur ... achten.pdf

Insofern abschließend meine eingangs gestellte Frage:

Ist es (grundsätzlich) möglich, das sichergestellte Grundig TK 248 als das Tonbandgerät zu identifizieren, das vor rund 40 Jahren verwendet wurde? Ist es überhaupt möglich, sowas wie einen akkustischen Fingerabdruck bei einem solchen Gerät in einem solchen Fall zu ermitteln, wenn mehrere Übertragungsketten dazwischen liegen?
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fuzzfilth
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Re: Identifizierung eines Tonbandgeräts (Grundig TK248)

Beitrag von fuzzfilth »

Hochspannende Geschichte das, und das Gutachten in allen Punkten faktisch richtig. Was mich wundert ist, dass nichts über die BIAS-Hochfrequenz geschrieben wird, die sich residual auf jedem Tonband wiederfindet und, falls unterschiedlich, zumindest als Ausschlusskriterium dienen könnte.

Aber die Aufnahme-Wiedergabe-Kette inclusive Diktiergerät(e), Telefonzelle, Postleitung, Mitschnittgerät ist schon arg lang um daraus, noch dazu nach 40 Jahren, eindeutige Rückschlüsse zu ziehen, wenn nicht wie auf der berüchtigten Schreibmaschine das kleine e ein bisschen zu hoch steht.
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Re: Identifizierung eines Tonbandgeräts (Grundig TK248)

Beitrag von Geheimagent »

Das Gutachten ist das fehlende iTüpfelchen, und das ist schon eine sehr aufwendige Untersuchung. Die aufgeführten Punkte sind so nachweisbar. Es gab dort wohl mehrere Gründe warum der Beklagte verdächtigt wurde, dies jedoch bis dahin nicht ausreichte um ihn zu überführen.

Es gibt Gutachten auf akustische Fingerabdrücke häufiger, worin die Arbeitsschritte noch detailierter aufgeführt werden, wenn es notwendig ist. Das Gutachten muss so sein, dass ein anderer Gutachter das auch so nachweisen bzw. überprüfen kann.
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spocintosh
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Re: Identifizierung eines Tonbandgeräts (Grundig TK248)

Beitrag von spocintosh »

Ich würde sagen, in dem Gutachten kann zumindest ich keine Fehler feststellen.
Darin ist alles tatsächlich alles, was beschrieben wurde, technisch richtig.
Die Geschichte mit den Schaltfolgen, den Geschwindigkeitsveränderungen und -schwankungen, der vermutlichen Überspielung von einem auf mindestens ein anderes Gerät und die schließliche Wiedergabe mit möglicherweise sogar einem dritten, nämlich transportablen, demnach batteriebetriebenen Gerät wäre mir insgesamt aber zu dünn, denn alles davon ist ganz sicher nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verifizierbar oder zuzuordnen.
Da sind die Faktoren, wie ja auch beschrieben, durch die menschliche Komponente, Tasten nicht immer gleich zu bedienen, zu variabel.

Einzig die Veränderung der Amplitude bei der BR-Tonfolge scheint mir der springende Punkt zu sein. Das ist dann natürlich eine gehörige Portion Glück, denn dabei handelt es sich ja, wie festgestellt, um einen gerätespezifischen Defekt.

Wenn es den nicht gäbe, hätte ich auch da gesagt, dass dieser Effekt zum entweder Bandsättigung sein könnte, die natürlich genau den lautesten Ton komprimiert hat oder aber durch Aufnahme eines Signals, das stereo von zwei Lautsprechern mit nur einem Mikrofon aufgenommen wurde, auch durch Phasenauslöschung aufgrund unterschiedlicher Abstände von beiden Lautsprechern sowie durch Reflektionen etwa durch eine Tischoberfläche zustande gekommen sein könnte.
Beide Faktoren, also Kompression und Phasenauslöschung, wurden im Gutachten nicht in Erwägung gezogen und würden auf jeden Fall weitere tagelange Untersuchungen benötigen.

Aber mit diesem Defekt...ist die Sache für mich so, wie sie dargestellt wurde, durchaus ausreichend plausibel.
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Lichtenberg
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Re: Identifizierung eines Tonbandgeräts (Grundig TK248)

Beitrag von Lichtenberg »

Besten Dank zunächst, für Eure Hinweise und Anmerkungen, fuzzfilth, Geheimagent und Spoc!

Folgendes möchte anmerken: Auf der letzten Seite des Gutachtens findet sich eine Fußnote. In der Fußnote ist die Skala aufgeführt, in der das gefundene Ergebnis einzuordnen ist. Die Skala ist folgendermaßen aufgebaut:

- nicht entscheidbar
- möglich (für den positiven Bereich)
- wahrscheinlich
- mit hoher Wahrscheinlichkeit
- mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit
- mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit

Das im Gutachten ermittelte Ergebnis ("wahrscheinlich")befindet sich also im unteren Bereich der Skala. Dementsprechend hat das Gericht das Gutachten in seiner Urteilsfindung auch eingestuft. Es hat andere Indizien, die für die Täterschaft Mazureks sprechen, deutlich mehr Gewicht beigemessen. Insofern handelte es sich bei dem Gutachten nicht um das I-Tüpfelchen bei der Entscheidungsfindung. Es gehört aber zu den ermittelten und festgestellten Indizien, bzw. Tatsachen.

Eure Meinung, dass es grundsätzlich möglich ist, in einem solchen oder ähnlichen Fall einen akkustischen Finderabdruck ermitteln zu können, um ein ganz bestimmtes (sichergestelltes) Tonbandgerät als Tatgerät zu identifizieren, teile ich. Auch Deine Überlegungen Spoc, zu der langen Übertragungskette und den damit verbundenen Schwierigkeiten bei der Identifizierung. Und ja: Da war wohl auch Glück im Spiel, weil das mutmaßliche Tatgerät diesen Defekt aufweist.

Warum ich die Frage hier in den Raum stelle:

Auf der Seite, auf der das Gutachten zur Verfügung steht, findet sich vom Domaininhaber eine "Gegendarstellung" (es findet sich dort auch das rund 300 Seitige Urteil der Strafkammer Augsburg). Der Domaininhaber ist Diplom Physiker und etwa 75 Jahre alt. Er ist nicht mehr berufstätig. Soweit erkennbar, ist er nie wissenschaftlich tätig gewesen und auch (noch) nie als Gutachter. Er behauptet (ich mache es kurz): Das Gutachten des LKA sei falsch. Er könne mit 100%iger Sicherheit sagen, dass es unmöglich sei, das potentielle Tatgerät auf diese oder auf andere Weise zu ermitteln.

Die Gegendarstellung findet sich hier: https://www.radonmaster.de/werner-mazur ... aendig.pdf

Die Gegendarstellung kann man nun lesen oder auch nicht. Ich habe bereits nach den ersten Seiten aufgehört zu lesen, weil mir die tendenziöse Sprache in einer solchen (und vermeintlich seriösen) Gegendarstellung missfällt. Ausbildungsbedingt habe ich etliche Gutachten schreiben müssen und schreibe sie auch heute berufsbedingt. Insofern kann man mein Missfallen vielleicht nachvollziehen: Der Gutachter hat sich zurückzunehmen. Seine Meinung spielt keine Rolle. Er hat lediglich die aufgeworfene Frage sachlich, objektiv und nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten.

Was ist von der Behauptung des Diplom Phyiskers zu halten, dass das LKA-Gutachten (bereits im Ansatz) falsch ist? Haben wir womöglich keine Ahnung?

Und wer mag: Was ist von seiner Gegendarstellung zu halten?
Geheimagent
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Re: Identifizierung eines Tonbandgeräts (Grundig TK248)

Beitrag von Geheimagent »

Das gesamte Verfahren ist mir ja nicht bekannt, das Gutachten alleine würde nicht ausreichen. iTüpfelchen ist vielleicht nicht ganz passend. Wenn eine Reihe an Beweisen vorliegen, dann würde sich das Gutachten dort einschließen, und je mehr Beweise erbracht werden, um so besser kann man den Täter überführen.

Uns allen ist ja bekannt, dass ältere analoge Geräte ob es nun uns bekannte Compressoren oder Gitarrenverstärker nie gleich klingen. Bei einer großen Gitarrenlautsprecherbox, sind die vier Lautsprecherboxen nie 100% gleich. Wenn man die mit einem SM57 abnimmt, kann man hinterher noch nachweisen, welche der Lautsprecher das war.

Bei einem Telefon ist das Mikrofon vom Frequenzbereich sehr eingeschränkt. Dennoch lassen sich Stimmen darüber verifizieren. Das wissen auch Kriminelle, die verschiedene Methoden nutzen, um ihre Stimmen zu verfremden.

Die Gegendarstellung habe ich auch nicht ganz gelesen, da sie teilweise sehr suggesiv statt sachlich geschrieben ist. z.B. "...es ist allgemein bekannt..." nur weil etws allgemein bekannt ist, muss es doch nicht bedeuten, dass es nachweislich richtig ist, oder vollständig ist.

Die Stelle mit dem Defekt finde ich in der Gegendarstellung sehr dünn. Mich würde es überzeugen, wenn zehn solcher Geräte vorgelegt worden wären, die eben alle genau gleich reagieren.

Suspekt finde ich in der Gegendarstellung, dass man dort einen Olympus Fieldrecorder verwendet, der zu der Zeit nicht existierte.

Gegenüber dem Gutachten mit 29 Seiten, ist die Gegendarstellung mit 56 Seiten fast doppelt so lang. Ich habe es daher nur überflogen, und nur Stellen gelesen, die mich interessiert hatten. Es gab viele technische Details, die gut erklärt sind, doch finde ich, dient davon nichts, dem Gutachten etwas wirklich zu widerlegen. - wohlgemerkt soweit ich es gelesen hatte, und habe die schwerwiegensten Punkte jedoch detailiert gelesen. -
Das ist nur meine Einschätzung, und ich möchte klar stellen, dass diese nicht als rein rechtliche Relevanz verstanden werden darf.
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fuzzfilth
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Re: Identifizierung eines Tonbandgeräts (Grundig TK248)

Beitrag von fuzzfilth »

Dem möchte ich mich vollinhaltlich anschließen.
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